Interview mit dem Heidelberger Kardiologen Dr. med. Mohammed Natour.

Dr. Natour ist Facharzt für Innere Medizin und Kardiologie, Fellow of the European Society of Cardiology, European Cardiologist, Bluthochdruckspezialist und Notfallmediziner. Dr. Natour ist der leitende Arzt der HPK - Praxisklinik für Kardiologie im Stadthaus am Neckar (Schneidmühlstr. 21, neben der Atosklinik). 


Heidelberger Journal, Ausgabe 12/11


H-J.: Herr Dr. Natour, was würden Sie Menschen empfehlen, wenn diese ein stetes Unwohlsein, verbunden mit Schwäche bei Belastung, Druckschmerzen im Brustraum und Atemnot, also Anzeichen einer Angina Pectoris aufweisen?


Dr. Natour: Diese Menschen sollten schnellstmöglich Ihren Hausarzt aufsuchen und von dort zeitnah zum Kardiologen überwiesen werden. Die geschilderten Beschwerden deuten auf das Vorliegen einer koronaren Herzkrankheit (KHK) hin und können unerkannt im schlimmsten Fall zum Herzinfarkt oder Tod führen. Hier ist eine schnelle kardiologische Diagnostik oft lebensrettend. 

H-J.: Was machen Sie bei Patienten mit diesen Beschwerden und wie gehen Sie in Ihrer Praxisklinik für Kardiologie mit diesem Patienten um?

Dr. Natour: Es ist eine gründliche Untersuchung von Herz & Kreislauf mit Ermittlung der Risikofaktoren für eine Herz- und Kreislauferkrankung notwendig. In meiner Praxisklinik für Kardiologie (HPK) wende ich hierfür eine Patienten bezogene Stufendiagnostik an. Dadurch verschaffe ich mir rasch ein Gesamtbild über den Patienten und dessen Beschwerden und kann so eine gezielte, weiterführende Diagnostik einleiten.
 
H-J.:  Welche diagnostischen Mittel stehen Ihnen in Ihrer Praxisklinik für Kardiologie zur Verfügung?

Dr. Natour:  In einem Gespräch mit dem Patienten (Anamneseerhebung und körperliche Untersuchung) kann ich die Diagnose bis zu 80% absichern. Beim Arztgespräch wird der Patient nach Art, Dauer, Stärke, Zeitpunkt der Beschwerden, und deren Bezug zur Belastung gefragt. Dadurch kann ich eine KHK als Ursache der Beschwerden als „wahrscheinlich“ oder „eher unwahrscheinlich“ einstufen. Dann stehen mir natürlich eine Reihe von diagnostischen Hilfsmitteln wie Blutdruckmessung, Ruhe- und Belastungs-EKG, Langzeit-EKG, Echokardiographie in Ruhe und unter Belastung sowie Blut-Untersuchungen zu Verfügung. 
  
H-J.: Lassen Sie uns kurz eine mögliche Situation in Ihrer Praxis skizzieren: Sie haben bei einem Patienten nach der Anamneseerhebung, der körperlichen Untersuchung, dem Ruhe- und Belastungs-EKG, sowie einer Echokardiographie einen dringenden Verdacht auf das Vorliegen einer koronaren Herzerkrankung. Was ist der nächste diagnostische Schritt den Sie empfehlen oder einleiten, um Ihren Verdacht zu erhärten?
In welcher Reihenfolge werden die notwendigen Maßnahmen unternommen und was bedeuten diese verschiedenartigen Untersuchungen für den Patienten? Sind diese Untersuchungen ambulant möglich oder bedarf es im Einzelfall einer stationären Aufnahme.


Dr. Natour: Nun Sie stellen mir in einer Frage vier Fragen zugleich, das geht in der Kardiologie nicht. Es muss alles nacheinander und vor allem in Zusammenhang miteinander erfolgen, einfacher gesagt: ich vergleiche diese Vorgehensweise mit einem „Domino-Spiel“ und vermeide das „Puzzle Spiel“! 
Die Wahrscheinlichkeit der KHK kann durch verschiedene Untersuchungen mit ebenso unterschiedlich genauer diagnostischer Sicherheit ermittelt werden. Dabei können sowohl invasive, sprich “ Gewebe verletzende“, wie auch nicht-invasive Methoden zum Einsatz kommen.

H-J.: Könnten sie es etwas präziser, vielleicht in Prozent ausdrücken, welche Methode über welche Aussage-Treffsicherheit verfügt?

Dr. Natour: Nun es existieren hierfür zahlreiche Studien, die sich genau mit dieser Fragestellung befassen. In der Wissenschaft und Biometrie spielen hierbei zwei  Begriffe eine wichtige Rolle: Sensitivität und Spezifität.
Unter Sensitivität versteht man die Fähigkeit einer Testmethode oder  eines diagnostischen Tests, tatsächlich Kranke als krank zu erkennen. Unter Spezifität versteht man die Fähigkeit einer Testmethode oder  eines diagnostischen Tests, tatsächlich Gesunde als gesund zu identifizieren. Mit diesen Begriffen kann jede der diagnostischen Methoden bewertet werden.

H-J.: Wenn Sie nun die zur KHK-Diagnostik stehenden Methoden durch diese Begriffe bewerten, welchen Stellenwert sehen Sie für diese Untersuchungsmethoden und deren Aussagefähigkeit in direktem Vergleich?

Dr. Natour: Das ist eine sehr gute, aber zugleich eine sehr komplexe  Frage. Sehen Sie, der Laie sieht sich einer Vielfalt von Untersuchungsmethoden ausgesetzt und die Anbieter preisen Ihre Methoden immer hoch an, leider nicht immer wissenschaftlich begründet. Wenn man die obengenannten Begriffe als objektiven Maßstab zur Beurteilung dieser Methoden nimmt, kommt man zum folgenden Ergebnis*: 

MethodeSensitivität Spezifität Falsch-pos. Falsch-neg.
Belastungs-EKG 68%77%34%15-20%
Stress-Echokardiographie74-80%84-89%20%12-20%
Myokardszintigraphie
84-90%

77-86%

28%

10-20%
MRT (Kernspinn mit Stress) 88%86%20%15-20%
3D-MR-Angiographie (Kernspin)68%91%5-17%10-20%
Cardio-CT75-83%76-99%2-33%2-20%
Koronarangiographie (Herzkatheter)  100%100%0%0%


H.-J: Unter einem Falsch-positiven Befund verstehen Sie ein Ergebnis, das einen krankhaften Befund beschreibt, der gar nicht vorhanden ist  und falsch-negativ wäre demnach also, einen gesunden Befund zu erheben, der eigentlich krankhaft ist? 


Dr. Natour: Genau das. Das Interessante dabei sind die daraus resultierenden
Konsequenzen. Für den Patienten  bedeutet somit ein Falsch-positiver Befund weitere unnötige Diagnostik. Viel fataler sind  jedoch die Falsch-negativen Befunde. Hier werden die Untersuchten als „gesund“ entlassen und können unter Umständen einen Herzinfarkt erleiden oder gar an dessen Folgen sterben. Eine Methode muss daher nach diesen Kriterien bewertet werden. Wenn Sie die Zahlen in der Tabelle anschauen, erkennen Sie wie unbeständig die nichtinvasiven Untersuchungsmethoden abschneiden, auch wenn diese nach dem neuesten Stand der Technik durchgeführt werden. 

H.-J.: Das bedeutet, dass manche moderne Diagnostik, die vermeintlich sicher und nebenwirkungsarme ist, nicht nur harmlos sein kann, sondern auch tödlichen Ausgang haben kann?  Das ist sehr beeindruckend und zugleich erschreckend. 

Dr. Natour: Leider kann ich Ihre Interpretation nicht ganz verneinen oder von der Hand weisen. Wenn Sie also die uns zur Verfügung stehenden Methoden objektiv betrachten, kommen Sie zum Ergebnis, dass der Herzkatheter berechtigt als „Goldstandard“ der Diagnostik und Untersuchung von Herzkrankheiten und der Herzkrankgefäße ist. Diese Methode in der Hand eines erfahrenen Arztes bestätigt oder schließt eine KHK aus und zwar zu 100%! Ein weiterer Vorteil besteht darin, dass ein diagnostisch durchgeführter Herzkatheter zugleich auch als therapeutischer Eingriff genutzt werden kann und der Patient sich somit eine zweite und kostenaufwendige Untersuchung ersparen kann. 


H.-J.: Muss der Patient, der eine Herzkatheter- Untersuchung benötigt mit einem stationärem Aufenthalt rechnen?

Dr. Natour: Nein. Die Diagnostik mittels Herzkatheter ist inzwischen aufgrund der ständigen Verbesserung und Erneuerung in der Medizintechnik eine sehr sichere Methode und die Punktionstechnik ist  sehr fein geworden. Aber natürlich kann eine Herzkatheter-Untersuchung, wie alle invasiven Untersuchungsmethoden, neben allen Vorteilen theoretisch auch zu Komplikationen führen. 
Wir gehen in meiner HPK - Praxisklinik für Kardiologie so vor, dass wir den Patienten bei dem eine relevante KHK ausgeschlossen werden konnte, nach einem 4- stündigen Aufenthalt auf unserer modernen Überwachungsstation (mit kontinuierlicher EKG-,Sauerstoff- und Blutdruckmessung) entlassen. Patienten bei denen eine Ballondilatation und/oder Stentimplantation notwendig ist, bleiben 24 Stunden in unserer Überwachung und können dann am nächsten Tag nach Hause gehen. 

H.-J.: Herr Dr. Natour was können Sie mir und unseren Leser mit auf den Weg geben damit sie Ihre HPK- Praxisklinik für Kardiologie nach Möglichkeit nur an Veranstaltungstagen und am „Tag der offenen Tür“ besuchen und nicht etwa als Herzpatienten und schwer Kranke zu Ihnen kommen?
Dr. Natour: Die beste Medizin liegt immer noch in der Krankheitsvorbeugung. Viele der Risikofaktoren können durch selbstständiges Handeln des Patienten eliminiert werden. Beim Blutdruck sollte man stets darauf achten, dass dieser im therapeutischen Bereich liegt (nicht über 130/85mmHg). Einstellen des Rauchens, Sport, gesunde Ernährung mit Reduktion des Alkoholkonsums und somit Behandlung und Vermeidung von Diabetes mellitus und Fettstoffwechselstörungen sind weitere „lebenswichtige“ Faktoren. Die Patienten sollten sich informieren und sich für die richtige Diagnostik entscheiden, so kann eine koronare Herzerkrankung frühzeitig erkannt und ein fataler Verlauf rechtzeitig vermieden werden.


H.-J.: Herr Dr. Natour ich danke Ihnen auch im Namen unserer Leser, sehr für die wertvollen Informationen und dieses aufschlussreiche Interview.

Dr. Natour: Ich danke Ihnen und bleiben Sie gesund.

 

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* Quelle: Kübler, W. (2007). Leitliniengerechte Diagnostik der koronaren Herzerkrankung (KHK) in der Klinik: Grundlagen und Anwendung, in: Clin Res Cardiol Suppl 2:V/3-V/9.